Artemisia Gentileschi malt die Vergewaltigung der Lucretia

Anfang Oktober 2019 ging die Ausstellung “Wege des Barock” im Museum Barberini in Potsdam zu Ende. Ein Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Dargestellt wird darauf die Vergewaltigung der Lucretia durch Sextus Tarquinius. Das Bild wurde um 1645-50 von Artemisia Gentileschi geschaffen, relativ spät in der Karriere dieser großartigen Malerin.

Eine Karriere als Malerin im Barock? Das war die seltene Ausnahme. Erst durch die kunsthistorische Forschung in den letzten Jahrzehnten wissen wir überhaupt über ihr Leben und ihr Werk Bescheid. Artemisia Gentileschi wurde 1593 in Rom geboren und war die Tochter des Malers Orazio Gentileschi. Ihr Vater erkannte bald ihr Talent und unterrichtete sie in der Malerei.

Simon Vouet, Porträt Artemisia Gentileschi
Simon Vouet, Allegorie der Malerei (mit Selbstporträt Vouet und Porträt Gentileschi), 1630er-Jahre, Rom, Palazzo Barberini, Galleria Nazionale. Foto: Public domain, commons.wikimedia.org

Von einem Freund ihres Vaters, bei dem sie weitere Fertigkeiten erlernen sollte, wurde sie vergewaltigt. Dass dieser dann überhaupt in einem Prozess angeklagt wurde, ist recht ungewöhnlich für die Zeit. Allerdings musste Artemisia erdulden, dass ihre Aussagen unter Folter überprüft wurden. Die alles ist in den erhaltenen Prozessunterlagen nachzulesen.

Artemisia heiratete kurz darauf einen anderen Maler und ging nach Florenz. Dort wurde sie als erste Frau in die Accademia dell’Arte del Disegno aufgenommen. Bald war sie der Mittelpunkt eines intellektuellen Kreises. Sie wurde durch ihre Malerei so berühmt, dass sie nach Rom zurückkehren konnte. 1630 zog sie weiter nach Neapel, wo sie 1652 oder 1653 starb.

Artemisia Gentileschi, Die Vergewaltigung der Lucretia durch Tarquinius Sextus, Neues Palais, Potsdam. -
Artemisia Gentileschi, Vergewaltigung der Lucretia durch Sextus Tarquinius, um 1645-50, Potsdam, Neues Palais. Foto: Christian Vogel

Zurück zum Bild. Es zeigt eine Vergewaltigungs-Szene aus der altrömischen Geschichte. Sextus Tarquinius, der Sohn des berüchtigten römischen Königs, ist in das Schlafzimmer der Frau seines Saufkumpans eingedrungen. Mit dem Schwert in der Hand zwingt er sie zum Verkehr. Das wird nicht ohne Folgen bleiben: Lucretia klagt ihn vor ihrer versammelten Familie an und erdolcht sich dann. Die besondere Sicht Artemisias lässt die Geschichte so schonungslos grausam und widerlich erscheinen, wie sie war.

Sexismus, Voyeurismus, Rassismus – alles ist in diesem Bild vorhanden. Der schwarze Sklave, der für den Betrachter den Vorhang zum Bett lüftet, ist in der ursprünglichen Story selbst ein Opfer. Sextus droht, nicht nur Lucretia zu töten, sondern auch den Sklaven, um dann beide als Beweis der Untreue nebeneinander liegend zu hinterlassen. Er ist nichts als ein Werkzeug von Sextus’ Begierde. Aber auf dem Bild wirkt er wie ein Komplize – sowohl des männlichen Betrachters wie des Vergewaltigers.

Tizian, Vergewaltigung der Lucretia, um 1571, Fitzwilliam Museum, Cambridge.
Tizian, Vergewaltigung der Lucretia, 1571, Fitzwilliam Museum, Cambridge/GB. Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tizian_094.jpg
Jacopo Tintoretto, Vergewaltigung der
Jacopo Tintoretto, Vergewaltigung der Lucretia, 1578-80, Art Institute of Chicago, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tintoretto_-_Tarquin_and_Lucretia_-_1949.203_-_Art_Institute_of_Chicago.jpg

Spannend ist der Vergleich mit zwei venezianischen Darstellungen dieses Themas. Sie sind allerdings deutlich vor dem Bild Artemisias entstanden. Da ist zum einen das Gemälde von Tizian von 1571, zum anderen das von Tintoretto, das er 1578-80 malte. Beide stellen die männliche Gewalt in den Vordergrund, aber es fehlt der subtile Blick auf die Abhängigkeiten, der Artemisias Bild so ergreifend macht. Der Betrachter wird mit der Tat direkt und voll konfrontiert.

Tintoretto stellt den weiblichen Leib in seiner Ohnmacht aus. Als Sinnbild dient die zerrissene Halskette, deren Perlen gerade im Moment zu Boden fallen. Tiziano Bild bezieht Dramatik aus der aktiven Gegenwehr Lucretias. Bei Tintoretto liegt der Sklave schon tot am Boden, bei Tizian ist er entsetzter Zeuge am linken Bildrand.

Die ergreifende Tiefe in der psychologischen Zeichnung der Charaktere unterscheidet Artemisia Gentileschis Fassung des Themas, und das hat sicherlich damit zu tun, dass sie es aus eigener Anschauung erlebt hatte. Ein auch heute noch kaum zu begreifender Akt der künstlerischen Traumaverarbeitung ist dieses Bild, das in seiner Intensität auch diejenigen in seinen Bann zieht, die den schaurigen autobiographischen Hintergrund nicht kennen.

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