Kunst gegen Covid

Fröhlich miteinander plaudernde Menschen in einem ehemaligen Fabrik-Innenhof, der eine oder die andere mit einer Flasche Bier oder Limo in der Hand – wie lange habe ich das nicht mehr gesehen, wie lange habe ich das vermisst. Das war der Eindruck, als ich nach fast einem Jahr Corona-Beschränkungen zum ersten Mal wieder eine Ausstellung besucht habe. Es handelte sich um die Präsentation von Abschlussarbeiten des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover, und auch diese Ausstellung in der Galerie für Fotografie (GAF) musste am 24. Juni noch ohne offizielle Eröffnung mit Publikum auskommen. Umso mehr überraschte die Menge an Besucher*innen, die an einem normalen Sonntagnachmittag hier versammelt war. Hier fand statt: einfach dieses normale Leben, das sich auf einmal so komisch anfühlt wie dieses um sich greifende Gefühl zu Beginn der Pandemie, als dein vertrautes Gegenüber auf einmal zum potentiellen Feind deiner Gesundheit mutierte. 

Arbeit von Arne Gutknecht “Identität – Zwischen Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung”

Alle diese Menschen waren hier zusammen gekommen, um sich Bilder anzusehen – Bilder, die zwar in erster Linie die Funktion hatten, zu beweisen, dass ihre Urheber einen Bachelorgrad in Dokumentarfotografie verdienten. Aber sie zeigen auch, wie verschiedene Menschen mit den Bedingungen des letzten Jahres umgegangen sind, was sie bewegt hat und was jetzt zum Ausdruck gebracht werden musste. Kunst hat diese einzigartige Fähigkeit, Kommunikation zu erzeugen, weil sie den Blick in tiefe, emotionale Schichten freigibt und alles erzählt, was Menschen jemals empfinden konnten. Durchaus mit scharfem, analytischem Blick, mit Sarkasmus ebenso wie mit Versöhnlichkeit, aber eben anders als Zahlen, Charts und technische Zeichnungen. Sie ist damit eine unerschöpfliche Quelle für kreative Lösungsansätze. Warum? Weil Kunst – ob Bildende Kunst, Darstellende Kunst oder Literatur, in etwas anderem Sinn auch die Musik – immer mit Bildern arbeitet. Seit den ersten Höhlenzeichnungen ist Kunst Kommunikation über das, was nicht reiner Lebenserhalt ist, was ihm aber Sinn verleiht: Magie, Vision, Möglichkeit, aber damit auch Synthese, Blickweitung, Erkenntnis. 

Deshalb haben Künstler*innen in der letzten Zeit auch so schmerzvoll und existenzbedrohend erfahren müssen, welcher Stellenwert ihnen in der Krise zugesprochen wurde: eben gar keiner. Die Politik traute es sich nicht zu sagen, ließ ein paar halbherzige Programme vom Stapel, die komplett an den Arbeits- und Lebensstrukturen der wirklich Betroffenen vorbei gingen. Und wir reiben uns jetzt die Augen, wer uns denn den Sinn dieser Zeit vor Augen führen kann, wer die Bilder dafür hat – viele Stimmen sind verstummt. Die Studierenden hatten diese Frage in der Ausstellung mit einem Rückzug auf den Nahblick beantwortet – auf Fragen, was Heimat, was Identität, was das Private ausmacht. Die nächste Ausstellung in der Galerie für Fotografie dort widmet sich ganz explizit dem “Lockdown Corona”, und ich bin sehr gespannt darauf, was mich dort erwartet. Antworten werden dringend gebraucht – für die Gesellschaft, für die Geschäftswelt, für jede*n einzelne*n von uns. Die wenigsten haben profitiert, aber niemand ist unberührt geblieben.

Zuerst veröffentlicht auf LinkedIn 20.07.2021

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